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  • Aimo Nyland

Underachievement - was ist das ?


Als Underachiever (dt. Minderleister) werden Menschen bezeichnet, die eine große Zeitspanne ihres Lebens, wenn nicht sogar ihr ganzes Leben lang unter ihren Möglichkeiten und Kompetenzen bleiben, also quasi dauerhaft unter ihrer körperlichen sowie psychischen Leistungsfähigkeit.

Überwiegend im beruflichen Bereich, es kann aber auch Hobbies oder Freizeitaktivitäten allgemein betreffen.

Gar nicht so selten geht dieses Phänomen auf eine Hochbegabung zurück oder zumindest auf intellektuell überdurchschnittliche Fähigkeiten, sodass manchmal aufgrund von entweder fehlender Förderung oder sogar auch fehlender Diagnose einer defizitären »Störung« wie ADHS z.B. schlummernde Leistungspotenziale kaum bis gar nicht genutzt werden können. Im besten Falle betrifft das nur Teilbereiche. Im schlimmsten Falle betrifft es nahezu alle relevanten Positionen des Lebens, vorzugsweise Freizeit, Familie und Job.


Natürlich gibt es das Underachievement aber auch alleinstehend. Und dann sprechen wir von einer klassischen Unterforderung, die sogar zu einem »reaktiven ADHS« führen kann, sprich zu jener Symptomatik, die von einer klinisch induzierten ADHS nicht mehr zu unterscheiden ist, obwohl es natürlich keine ist.


Wenn man, wie ich schon länger im Bereich der Neurodivergenz arbeitet und auch bereits eine große Zahl von Neurodivergenten für Buch & Co. interviewt hat, aber auch nur innerhalb von Gruppen im Austausch war, dann ist es spannend zu sehen, dass das Phänomen Underachievement im Bereich der Neurodivergenz gar nicht so selten ist. Sprich, recht viele ADHSler aber auch Autisten bleiben tatsächlich hinter ihren eigentlichen Möglichkeiten zurück und schildern unter'm Strich immer wieder dasselbe:


- Der ausgeübte Beruf wäre kein Wunschberuf, sondern würde lediglich als unausweichlich-existenzsicherndes »Pflichtprogramm« gesehen, was demotivierend wirke und eher depressiv mache.

- Man fühle sich stets unterfordert und aufgrund von eigener aber auch externer Wahrnehmung zu wesentlich Höherem berufen.

- Man fühle sich selbst durchaus unterdurchschnittlich kompetent bis sogar hin zu dumm, obwohl die Beurteilungen im Außen eine ganz andere Sprache sprechen würden. Ja manchmal fände man sogar Situationen, in denen Betroffene ganz bewusst »tief stapeln«, und ihre falsche Selbstwahrnehmung damit auch noch befeuern.


Mich selbst betrifft Underachievement leider auch. Solange ich nicht unter Pflicht oder Druck stehe, fühle ich mich zu vielem überdurchschnittlich gut fähig. Ich besitze eine ausgeprägte Kreativität - sowohl schriftsprachlich als auch musikalisch, kann gut »um die Ecke denken«, um somit auch auf unkonventionelle Lösungswege zu kommen. Ich bin ein überaus empathischer und sozialer Mensch, kann also auch im zwischenmenschlichen Bereich irgendwie »punkten«, bin technisch begabt, wissbegierig, weltoffen, analytisch, ambitioniert, auch begeisterungsfähig, zuverlässig und stets ehrlich. Ich weiß nicht, wie oft ich mir schon anhören durfte, dass irgendwelche Menschen mich in bestimmten beruflichen eher hochpositionierten Bereichen sehen würden oder mir sagten, dass ich hochqualifiziert wäre, weil ich jeden Bereich, in dem man mich irgendwann einmal antraf, kurzfristig super gut machte. Aber dann stagnierte es auf einmal und das immer wieder - nichts ging mehr. Entweder ich wurde aus Positionen entfernt weil meine Leistungen, meist aus Langeweile, spontan extrem abfielen oder ich ergriff selbst die Initiative, um zu gehen. Warum? Schwierig zu sagen; manchmal massive Überforderung, manchmal massive Unterforderung, aber eben niemals im leistungsfähigen Gleichgewicht. Sehr oft einfach ein Gefühl als hätte ich all das geforderte Leistungspotenzial zwar in mir, könne es aber nicht abrufen, weil es scheinbar »weggeschlossen« schien und nur unter Bedingungen und Einflüssen zutage trete, die mit dem Job selbst niemals in Einklang zu bringen wären.


Und genau dies spiegelt sich seit Jahrzehnten in den Feedbacks von Menschen wider, die mich schon eine Weile kennen: »Aimo, bei deiner Kompetenz und deinem sozialen Engagement - warum bist du kein Journalist, kein studierter Musiker, Copywriter, kein Toningenieur oder dies und jenes geworden???«

Tja, das frage ich mich seit gut zwei Jahrzehnten fast jeden Tag!


Vielleicht hat es tatsächlich mit einer unentdeckten Hochbegabung zu tun. Vielleicht aber auch »nur« mit der ADHS, welche mit ihren Symptomen dafür verantwortlich war, dass ich all meine Wünsche, Ziele und Visionen nicht ein einziges Mal in meinem bisherigen Leben umsetzen konnte, obwohl mein Geist vor Schöpfungs- und Schaffenskraft unermesslich sprudelte und dies auch immer noch tut.

Ich weiß es nicht. Fakt ist aber definitiv: Ich bin einfach ein mega Underachiever! Ich erbringe leider nur ganz dürftige Leistungen, obwohl riesengroßes Potenzial und beste Voraussetzungen für Leistung und beste Resultate in mir schlummern. Und ich glaube, ich brauche nicht unbedingt erklären, dass solch eine jahrzehntelange Diskrepanz zwischen Minderleistung und Potenzial nicht nur in Depressionen führen, sondern im schlimmsten Falle auch in ganz böse und chronische Selbstzweifel, die mich persönlich seit Jahren begleiten und mich dann bereits mit Mitte 30 traurigerweise in die volle Erwerbsminderungsrente getrieben haben. Und all das größtenteils eben nur, weil man im engen gesellschaftlichen Korsett, unter Vorschriften, Forderungen und Verpflichtungen nicht das zu leisten imstande ist, was man unter günstigen Bedingungen zu leisten imstande wäre...


Underachievement - ein oftmals genauso stiller »Killer« wie zu hoher Blutdruck.

C'est la vie! 🤷‍♂️



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