Pressetext im "Ich-Profil"

Aktualisiert: 29. Juli


𝗔𝘂𝗳 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗺 𝗳𝗿𝗲𝗺𝗱𝗲𝗻 𝗣𝗹𝗮𝗻𝗲𝘁𝗲𝗻


Als Kind war es mir egal, wenn andere Kinder mich doof fanden. Minutiöses Waschmaschine gucken oblag eben gänzlich nur meinem Interesse. Und das war natürlich voll in Ordnung. Erst in der Schulzeit begann ich langsam zu begreifen, dass ich anders ticke. Plötzlich kam es nämlich weniger auf das Ausleben von absurden Hirngespinsten, Quatsch und Remmidemmi an, sondern nur noch auf eines: Leistung! Lernen, aufmerksam sein, Zusammenhänge zügig verstehen, Entscheidungen treffen. Es gelang mir einfach nicht. Mir wurde zu dieser Zeit dann zum ersten Mal bewusst, dass ich irgendwie nicht ins System passte und mir auch keiner helfen konnte. Denn die Anforderungen da draußen fühlten sich stets komisch an und passten a. nicht zu meinen Ansprüchen und b. nicht zu meinem Leistungsvermögen. Ich fühlte mich total allein gelassen und haderte mit nahezu jedem Menschen und jeder Situation.

Die einzige Frage, die stetig in meinem Kopf kreiste, war: Warum konnten die anderen immer alles besser als ich? Egal, was ich auch anfing oder anfasste, ich scheiterte. Es fühlte sich an wie die Hölle auf Erden. Das Krankheitsbild ADHS war in den 80er Jahren längst nicht so präsent wie heute. Zudem wäre man nie auf die Idee gekommen, einem Kind eine Krankheit aufzudrücken, nur weil es vielleicht laut und nervig war oder eine gewisse Dauer-Trotzigkeit an den Tag legte. Einmal nahm mich meine Mutter mit zu einem Psychologen. Er sagte ihr, sie müsse sich keine großen Sorgen machen, die Pädagogen in Kita und Schule wüssten schon, mit kleinen Außenseitern oder leichten Abnormitäten im Verhalten umzugehen.

Letztlich vertraute sie einer »professionellen« Meinung und deswegen blieb dieser gemeinsame Besuch beim Psychologen auch der einzige und mein Schicksal zu jahrzehntelangem Trial&Error sowie zermürbenden Depressionen schien besiegelt. Nach der Schule brach ich fünf Ausbildungen ab und lebte gut zwanzig Jahre lang sehr zurückgezogen inklusive permanenten Zukunftsängsten und Selbstzweifeln hoch Zehn.

Eine verlorene Zeit, die mich seelisch quasi irreversibel zerstörte. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben. Nicht nur darauf, dass sich die Welt irgendwann für mich öffnen würde und ich ein anständiges, wertgeschätztes und glückliches Leben führen könnte, sondern auch die Hoffnung darauf, irgendwann mal ein »richtiger« Mensch und kein »UHU« (Undefinierter, humaner Umweltverpeiler) zu sein. Als ich mit Ende Dreißig im Internet auf die Diagnose ADHS stieß, fühlte es sich zunächst an wie ein Märchen. Kurz danach allerdings wie ein Hauptgewinn. Ich freute mich wahnsinnig, als Google mir Symptome und Verhaltensweisen ausspuckte, die so verdammt eindeutig mein bisheriges Leben umschrieben, dass ich es kaum fassen konnte. Die offizielle medizinische Diagnose lautete dann: ADHS-Autismus-Crossover.


Es war ein unglaublicher Befreiungsschlag, mitgeteilt zu bekommen, dass all die unsagbaren Kraftanstrengungen, die ich aufwenden musste, um dasselbe zu erreichen wie andere Menschen, mit einer neurobiologischen Abweichung zu tun hatte und nicht mit einfach nur Dummheit, Faulheit und unergründlichem Frust. Knapp vier Jahrzehnte lang glaubte ich jene falsche Betrachtung aber dennoch. Ja, ich hielt mich nicht nur für falsch, sondern allseitig für zu dumm und zu unbegabt.

Die Depression, die mich gefühlt eigentlich schon ewig, wenn auch eher schwammig begleitete, kam dann abrupt zurück und das noch schlimmer als je zuvor. Denn mir wurde auf einmal bewusst, dass ich jahrzehntelang mein eigener Gefangener war. Und dass ein kompletter Neuanfang mit 40, erst recht mit einem Rucksack aus seelischem Schmerz, nur sehr schwer bis schlimmstenfalls gar nicht mehr möglich sein würde. Mal wieder der perfekte Trigger, eigentlich ja resultierend aus einem Lichtblick. Aber meine Emotionssprünge waren schon immer vergleichbar mit einem aufgezogenen Gummiband; jederzeit bereit sich explosiv zu entladen und mal wieder alles »gegen die Wand zu fahren.«


Richtig als Mensch fühle ich mich auch heute noch nicht. Eher wie ein Feuerkäfer inmitten eines Ameisenhaufens oder einfach ein Alien abseits seines Heimatplaneten. Wrong Planet Syndrom – das ist sogar ein geläufiger Begriff, der in diesem Zusammenhang gerne Verwendung findet. Mittlerweile geht es aber langsam voran, ich orientiere bzw. erfinde mich neu. Ich nutze mein künstlerisches Know-How, mache eine Therapie, ich bin stabiler geworden und nehme wieder vermehrt am öffentlichen Leben teil. Ich administriere zu viert eine große ADHS-Gruppe, tausche mich mit Betroffenen aus, schreibe mir den Frust von der Seele in Büchern und Online­-Beiträgen und setze mich mit Fleiß und Motivation dafür ein, das Thema Neurodivergenz etwas gesellschaftsfähiger zu machen.

All das hilft mir, die Vergangenheit aus einer anderen Sicht nochmal Revue passieren zu lassen und Frieden mit mir selbst zu finden.

Musik ist mir dabei nicht nur eine wichtige Unterstützung, sie ist mein Lebenselixier. Dank meiner synästhetisch­en Wahrnehmung funktioniere ich über Musik. Alles was ich sehe, höre, fühle, wandelt mein Hirn sofort in kreative Melodien, Harmonien und Rhythmen um. Nur so begreife ich die Welt und nur so konnte ich bis heute einigermaßen in ihr bestehen. Als wäre mein Puls der Rhythmus, der das Fundament bildet für meine persönliche Melodie des Lebens.

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, keine Medikamente zu nehmen. Natürlich weiß ich von vielen ADHS-Betroffenen, dass Medikamente nicht unbedingt die Kreativität betäuben, sondern dass sie helfen, das Leben strukturierter und fokussierter zu gestalten. Ich sehe meine Kunst aber als sehr skurril an. Sie entsteht und lebt gerade dadurch, dass sich tausende von Gedanken und Wahrnehmungen total chaotisch und oppositär zusammen mischen. Diese positive Aufgewühltheit führt zu genial-­absurden Ergebnissen in Wort und Musik. Da möchte ich keine Pille nehmen, die quasi gegen all das arbeitet, was mein künstlerisches Potenzial ausmacht. Abgesehen davon bin ich regelrecht stur! Wenn sich Entscheidungen in mir erstmal festgefahren haben, gibt's so gut wie kein Abweichen mehr davon.

Das bedeutet für mich natürlich auch, dass ich im Alltag fast kontinuierlich an meine Grenzen stoße und einfachste Dinge nicht gelingen. Dinge wie: Aufräumen, Entscheidungen treffen (Erdbeer- oder Himbeerjoghurt? / Shirt oder Hemd?), die Zahnpastatube nach der Benutzung wieder verschließen, mehrschichtige Handlungen sinnvoll planen usw.

Das macht mir wirklich schwer zu schaffen, während mir im Gegenzug aber komplexe und kreative Denkaufgaben mit Tiefgang locker gelingen. Ich kann einfach nicht konzentriert bei einer Sache bleiben, es sei denn, sie interessiert mich brennend. In so einem Fall switche ich dann oft in das andere Extrem: Pausenloses Arbeiten ohne zeitliches Gefühl, und das leider auch meist ohne Essen und Trinken. Ich bin dankbar, dass meine Frau einen so schrägen und unerwachsenen Vogel wie mich seit über zehn Jahren toleriert - ja sogar ernsthaft liebt, obwohl ich weiß, dass ich ziemlich häufig verdammt ungemütlich bin, viele nervige Tics, Zwänge und Eigenarten habe. Richtig wohl fühle ich mich in meinem jetzigen Leben nicht, ich akzeptiere es lediglich.


Zwei Jahrzehnte chronischer Depressionen sind natürlich nicht spurlos an mir vorbeigezogen. Ich habe eine überaus schwierige Persönlichkeit entwickelt, die ich sicher nie mehr loswerde. Für mich gibt es einfach keine Wendung mehr zu einem gesunden Selbstbewusstsein voller Motivation, Glück und Perspektive. Ich habe aber derweil gelernt, mir all die sinnlosen Warum­-ich-­Fragen zu verkneifen. Ich lebe mit meinem Handicap, habe mich, wenn auch häufig unter Stress und teils sogar Groll, an soziale Gegebenheiten und Herausforderungen angepasst und schaffe es zum Glück allmählich, eine gewisse Funktionalität aufrechtzuerhalten, sogar etwas zu erreichen und mir einen »Platz in der Gesellschaft« zu erkämpfen. Zwar in sehr kleinen Schritten, aber immerhin. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass aus kleinen vielleicht auch mal größere Schritte werden.


Ich bin vielleicht der klassische »Spätzünder«, über den sicher viele Neurotypische lachen, aber was andere von mir halten, blende ich mittlerweile genauso aus wie klassische Normen, Tugenden und Konventionen, an die ein Jeder sich angeblich halten müsse, um in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Ich pfeife nämlich auf die Mitte - erkunde und genieße lieber die vielen unentdeckten Ränder mit all ihren faszinierenden Geheimnissen und Potenzialen. Ich bin anders als die Mehrheit und bin damit in essenziellem Einklang (es sei denn die schwermütigen inneren Dämonen schwingen mal wieder ihre Pauken).

© 𝐈𝐫𝐢𝐬 𝐒𝐨𝐥𝐭𝐚𝐮 | 𝐓𝐞𝐱𝐭𝐞 & 𝐊𝐨𝐧𝐳𝐞𝐩𝐭𝐞

9 Ansichten0 Kommentare