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  • AutorenbildAimo Nyland

Ich bin Mitte 40 und brauche ein »Kindermädchen«



Jeder der mich trifft, mich im Alltag erlebt, der mit mir arbeitet oder mich einfach auch nur online erlebt mit dem was ich tue, erzähle oder schreibe, würde mit 100%iger Sicherheit niemals vermuten, dass ich ungeschuldet unfassbar unselbständig bin und zwar schon mein ganzes Leben!

Er/Sie würde auch niemals vermuten, dass ich keine abgeschlossene Ausbildung habe, seit 30 Jahren noch nie länger als wenige Monate irgendwo arbeitete und bis heute absolut keine Ahnung davon habe, wie es sich anfühlt, ein vierstelliges Gehalt zu bekommen. Ferner, dass ich ebenfalls bis heute nicht weiß, wo ich hingehöre und deswegen seit über 20 Jahren in einer schweren chronischen, allerdings hochfunktionalen Depression hänge ( was das ist, steht in diesem Artikel: https://www.vierbuchstabler.net/post/doppeldepression-vs-dysthymie ) und seit Mitte meiner Dreißiger deswegen in voller Erwerbsminderung stehe.


Ja, ich kann ziemlich gut selbstbewusst und selbstsicher, sozial engagiert, integriert sowie klug, kreativ, charmant, tolerant, witzig, kommunikativ und lebensfroh sowie extrem hilfsbereit auftreten, obwohl tief in mir drinnen (und natürlich für Andere gänzlich unsichtbar) ein ständiges Gewitter tobt. Eine unbeschreibliche Last, zemürbende Diskrepanz und Enttäuschung über all das, was ich eigentlich (theoretisch) kann, aber dennoch (praktischerseits) nicht kann sowie auch Enttäuschung darüber, genau dadurch ganze drei Jahrzehnte ungenutzt und natürlich unwiederbringlich verloren zu haben und mich selbst dafür auch noch zu verurteilen - so falsch das auch ist.


Das Leben mit ADHS und eine bis knapp in meine Vierziger andauernde Unwissenheit über jenes Handicap, hat mich wahrhaftig zu einem »psychischen Krüppel« gemacht und das meine ich nicht kapriziös. Das fast schon schlimmste daran ist aber nicht jener Fakt selbst, sondern eher wohl, dass mir durch strenge erzieherische Maßnahmen und auch der Gesellschaft stets eingetrichtert wurde, dass psychische Befindlichkeiten und generell Schwäche keinen Platz im Leben eines Menschen haben dürften und man zu funktionieren hätte und ich dadurch eine Fassade entwickelt habe, die eben so perfekt ist, dass ich mich im Grunde jeden Tag annähernd wie ein neurotypischer Mensch verhalte und zeige, weil a. der insgeheime Wunsch nach gesellschaftlicher Teilhabe und Wertschätzung groß ist und b. weil mir eben energisch eingeimpft wurde, dass man nur als »funktionierender und leistender« Mensch ein »wahrer Mensch« ist. Fazit: Das Leid ist riesig - die Sichtbarkeit dessen aber bei nahezu null 😐


Wir ADHSler sind, mal abgesehen von unseren exekutiven Dysfunktionen Trägheiten und psychischen Problemen ja lange nicht doof - im Gegenteil. Hochsensibilitäten, Hochfunktionalitäten, künstlerisch-kreative Begabungen und teils sogar überdurchschnittliche Intelligenz sind in bestimmt 2/3 der Betroffenen das Pendant zu der eher zerstörerischen Seite des ADHS.

Und das führt eben häufig dazu, dass wir relativ mühelos diese Kompensationsmechanismen entwickeln und anwenden können, die irgendwann allerdings so präsent und für uns, aber auch Andere, so selbstverständlich werden, dass wir sie quasi automatisieren und uns damit nicht selten ein Leben lang selbst sabotieren, ohne den möglichen Folgen Beachtung zu schenken, die da wären: Schlimmste Selbstzweifel und Depressionen bis hin zu möglichen Suiziden!

Ganz einfach weil wir uns einreden, wir wären so richtig wie wir uns permanent »verstellen«, was natürlich zweifellos völliger Unsinn ist.


Meine definitiv größte Baustelle ist meine Psyche nicht meine abnormale Neurobiologie. Wie gesagt, 40 Jahre Kampf gegen etwas, das ich nicht kannte plus dem Fakt, eine sowieso schon extreme Frühgeburt gewesen zu sein, was das Potenzial der Unreife/Unvollkommenheit natürlich nochmals um ein immenses Maß erhöht, hat mich schwer krank gemacht. Eigentlich seelisch »tot«. Ich fühle mich wie eine Marionette - wie ein fremdgesteuertes Etwas, das mehr oder weniger voller Gleichgültigkeit, Stillstand, Verzweiflung und Erschöpfung nur noch die Dienste verrichtet, die von außen diktiert und verlangt werden. Keine Selbstbestimmung mehr. Keine wirklichen Hilfen - kein Verständnis - keine Hoffnung! Ein Fass ohne Boden. Aber nun - selbst ein Fass ohne Boden bleibt halt ein Fass - Ein Korpus, der zwar kein Inhalt mehr in sich tragen kann, von außen aber dennoch meist ansehnlich bleibt und sich »rollend«, wenn auch leer, sogar noch ziemlich gut fortbewegen kann, nicht wahr? Eine Metapher, die ziemlich gut zu mir passt.


Durch das Zeit meines Lebens kontinuierliche finanzielle und emotionale Angewiesen-Sein auf Familie, Bekannte, Freunde, Ehefrau, aber auch diese festsitzende Gewissheit, irgendwie zu nix ein wahres Gefühl und eine klare Meinung zu haben und mein Leben nicht selbstbestimmt, stabil und ehrgeizig unter Kontrolle zu bekommen, habe ich niemals gelernt, Verantwortung zu übernehmen (weder für mich noch für Andere). Ich habe niemals lernen können, für mich selbst zu sorgen, mal abgesehen davon, dass ich auch niemals die Chance dafür bekam. Ich habe auch niemals lernen können, meine vielen Begabungen, die ich durchaus habe im kreativen Bereich, zu greifen, zu akzeptieren und zu nutzen. Darüber hinaus habe ich auch niemals erfahren und lernen dürfen, dass ich als Mensch eigentlich einen Wert habe. Und das schließt natürlich wiederum automatisch ein, dass ich logischerweise auch nie wissen konnte, wie man seinen Wert als Mensch selber annimmt und im Zweifel sogar »verkauft« oder verteidigt (wie denn auch, wenn man meint, durch jahrzehntelange Pannenstrecken, Stigmatisierungen und massive Selbstzweifel gegenüber jedem Kontakt und jedem Handeln nicht mal einen kleinsten Wert zu haben...).


Ich bin nach vier Jahrzehnten sinnfreier und planloser Existenz jedenfalls jetzt nur noch eine funktionierende Hülle ohne Selbstbestimmung und ohne mit mir im Reinen zu sein. Einen Zustand der tiefen inneren Harmonie und des Glücks werde ich auch fortan nie mehr erreichen, da bin ich mir sicher. Dazu haben all die negativen Erlebnisse, Demütigungen, Rückschläge und psychische Zusammenbrüche ein viel zu großes und irreparables Loch in meine Seele gerissen! Und davon abgesehen würden auch 8 erfolglose therapeutische Versuche in den letzten 20 Jahren nichts anderes vermuten lassen.


Was wirklich bis heute nahezu jeden Tag meine kleine Katastrophe ist, ist der Fakt, dass ich mich eben immer noch an vielen Stellen meines Lebens für mein massives psychisches Leid rechtfertigen muss, obwohl ich definitiv schon genug Scheisse erlebt habe. Und nicht nur das. Teilweise wird man sogar als Spinner hingestellt bzw. Symptome werden verharmlost. Nicht nur im privaten neurotypischen Kreise, sondern auch bis hin zu Behörden, die einem dann Leistungen verwehren, die uns nach Gesetzeslage aber eindeutig zustehen. Oder einem wird sogar entweder aus dem privaten Umfeld oder sogar tatsächlich auch von Amts wegen aufgrund eines bereits vorhandenen Leistungsbezugs noch eiskalt unterstellt, man würde jene Leistungen zu Unrecht beziehen, weil von all den angegebenen Problemen ja quasi gar nix zu sehen sei. Ende vom Lied: Kampf Kampf Kampf! Und dann gibt's zwei Optionen. Entweder man boxt sich durch und bekommt Recht, was sehr viel Energie und Disziplin kostet (ein Prozedere, was allerdings mal wieder niemand mitbekommt...). Oder man wird weiterhin mal wieder nicht wahr- und auch nicht ernst genommen und geht daran langsam aber sicher zugrunde. Und auch hier wird natürlich niemandem auffallen, wie schlecht es uns wirklich geht, denn unsere Maske repräsentiert uns ja automatisiert so, wie es sich jeder da draußen von uns wünscht. Und das Tag ein Tag aus, während wir unsere Depris weiterhin gekonnt vor der Außenwelt verstecken 🙄


Genau das alles ist das mega tückische aber auch verheerende an unserem Handicap und leider auch der Grund, warum wir gerne als »Simulanten« hingestellt werden oder gar als jene, die vielleicht sogar übertreiben oder notorisch, wenn nicht sogar »pathologisch« lügen würden 🤬

Das klingt jetzt hier alles als hätte ich gerade total Bock maßlos in Selbstmitleid zu versinken und auf das System zu schimpfen, aber nein - keinesfalls! Ich möchte damit sensibilisieren und einfach deutlich machen, wie WICHTIG es ist, dass sich das Umfeld eines Betroffenen die beachtliche Bandbreite von ADHS bewusst macht. ADHS kann sein: Albernheit, Fantasie, Unsinn, Witz, Kreativität, Exzellenz & Entertainmentgeist, was Betroffene zu genialen Komikern, Schauspielern und Musikern macht (Ralf Schmitz / Will Smith, Alin Coen etc...).


ADHS kann sein: das hochintelligente Macher- und Erfindergen des »verrückten Professors« und Wissenschaftlers und der unversiegbare Hyperfokus, der die Welt zu bahnbrechenden Erkenntnissen führt.

ADHS kann sein: der betroffene Durchschnittsbürger, der zwar etwas mühsamer als Andere durchs Leben kommt, aber mit Verzögerungen trotzdem alles schafft, was er sich vorgenommen hat.


ADHS kann sein: das hibbelige, hyperaktive und schreiende Kind, welches sich exzessiv, aggressiv und rebellisch seinen Eltern widersetzt.


Und ADHS kann ebenso sein: der Mensch, der so schwer betroffen ist, dass es niemals möglich war, sich eine existenzielle Grundlage zu schaffen und der eben mit Mitte 40 noch ein »Kindermädchen« braucht, womit wir eben bei meiner Wenigkeit wären.


Die Aussage impliziert eben einfach, dass ich ohne eine gezielte Außensteuerung (Assistenz/Betreuung), die mich wie ein Kleinkind präzise anleitet und motiviert, mir meine Do's und Don't's aufzeigt, quasi nicht mehr würdevoll und stabil »lebensfähig« wäre. Das permanente Versagen und der unaufhörliche Kampf ohne jemals auch nur eine kleinste Chance auf den Sieg zu haben - schlicht der Fakt, mein Leben lang am Rande der Gesellschaft gestanden, also existiert aber nicht gelebt zu haben, hat mich innerlich komplett »sterben lassen«. Und TROTZDEM wirke ich durch automatisierte Anpassungsmechanismen eben für jeden so, als wäre ich vollends erfolgreich, gesund, integriert, gelassen, glücklich, gesellig und leistungsfähig - »wohl scheinbar recht normal 😏«, weil ich ja a. ganz und gar nicht krank aussehe, b. stets gepflegt bin, c. rhetorisch und kreativerseits was drauf hab und d. ich von außen aufgetragene Arbeiten zu 95% immer ohne Beanstandungen und zu vollster Zufriedenheit erledigen kann... (während tief in mir drin, so ganz heimlich und unauffällig allerdings das Programm der Selbstzerstörung tickt und tickt und tickt ...)


Tja, ADHS hat eben sehr sehr viele Gesichter! Und ich gehöre mit meiner exorbitanten Ausprägung jenes Handicaps wohl leider zum »hässlichsten« 🤷‍♂️


Hoffe, ich konnte mit diesen Zeilen ein wenig klar machen, dass ADHS definitiv KEINE Kinderkrankheit ist, sondern ganz klar das Potenzial hat, Menschenleben zu zerstören! Und das auf eine ganz ganz leise, dezente und tückische Art und Weise ...


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