• Aimo Nyland

Die Tücken der so leicht betitelten »Depression«. Doppeldepression vs. Hochfunktionelle Depression

Aktualisiert: 21. Nov.


Depression

Es mag ein wenig skurril klingen. Schließlich würde man auch kaum auf die Idee kommen, von Doppel-Diabetes oder einer Doppel-Hypertonie zu sprechen. Es gibt die Doppel-Depression aber tatsächlich und sie begründet sich wie folgt:

Einige wenige ( dazu gehöre ich ) leiden unter verchronifizierten Depressionen, die zwar eine etwas mildere Symptomatik aufweisen wie akut depressive Phasen, dafür aber langjährig bestehen, was allerdings nicht weniger schlimm ist. Denn auch auf Dauer bestehende mildere Symptomatik ist eine massive Bremse für den zu leistenden Alltag und für die Psyche extrem zermürbend! Ihr Name: DYSTHYMIE.


Chronisch depressiv zu sein heißt nun aber lange nicht automatisch, dass man nicht auch noch in eine akut depressive Phase hineinrutschen könnte. Und wenn dies einem "Dysthymiker" passiert, weil aktuelle Umstände vielleicht so schlimm triggern, dass eine akute mittelschwere bis schwere Depression unausweichlich ist, dann spricht man tatsächlich offiziell von "Doppeldepression", da sich eine Depression zu einer bereits bestehenden dazugesellt.


Ich selbst kann aus Erfahrung sprechen. Mich hat ein solches Prozedere schon mehrmals wochenlang aus der Bahn geworfen. So schlimm, dass ich komplett aktions-, denk- und bewegungsunfähig war.


Die andere Form der Depression hat quasi dieselben Symptome, nur basiert sie mehr oder weniger auf stetiger Funktionalität, da wir entweder durch erzieherische Maßnahmen oder gesellschaftliche Pflichten so darauf »gedrillt« wurden, unsere Probleme und unser Leid zu kompensieren, dass sich all die Symptome einer Depression nach innen fressen (ist uns sehr bewusst), während eine äußere diffuse Macht uns aber zum handeln, arbeiten, interagieren und zum leisten zwingt. All die Symptome einer klassischen Depression sind also da, nur eben versteckt. Und sie können dieselbe Zerstörungskraft haben, wie es bei jeder anderen Depression der Fall ist.

Das macht die hochfunktionelle Depression so furchtbar tückisch. Denn sie hat das enorme Potenzial, eben nicht als solche erkannt zu werden und lässt die Betroffenen gerne auch mal als »Simulanten« dastehen, wenn sie irgendwann tatsächlich den Weg zu einem Therapeuten ansteuern.

Man wird dann nicht selten im Hinblick auf sein Umfeld, gesellschaftliches Feedback und seine Funktionalität bewertet. Und da man ja - so wie es scheint - alle Dinge hinbekommt, die es hinzubekommen gilt (gar nicht so selten sogar mit Bravur), besteht natürlich im Umkehrschluss auch eigentlich gar kein Anlass zu einer Therapie.

Dass uns unsere Überkompensation unseres Frusts, Kummers und auch unserer Not allerdings stetig aber sicher ins psychische Verderben stürzt, das bleibt dann quasi als belanglose Information auf der Strecke...


Mich ereilen beide »Sonderfälle« der Depression regelmäßig und in kontinuierlichem Wechsel, was für mich eine unbeschreibliche Belastung darstellt. Mal bin ich jemand, den »der Dämon« gänzlich im Griff hat und ich keine andere Chance habe, als klein beizugeben. Und mal bekomme ich Besuch von einer Art innerem Superman, der mich antreibt, die vielen geforderten Baustellen meines Alltags mit Charme und einem stets verschmitzten Lächeln abzuarbeiten, während ich aber dennoch - mal als Metapher gesprochen - mit einem Bein im Grabe stehe.


Oftmals kennen sich unsere Psychiater und Psychotherapeuten noch immer nicht gut genug aus, um die komplexen Tragweiten zu verstehen, die aus einer chronisch psychischen Erkrankung resultieren.

Eine "klassisch depressive Episode" bekommt ein Jeder ziemlich schnell verpasst. Sogar vom Hausarzt. Diese wird dann natürlich aber auch so behandelt, ohne oft weiter in die Tiefen einer kaputten Psyche, auf eventuelle Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) zu blicken oder auch auf mögliche Differentialdiagnosen einzugehen. Depressionen haben viele. »Gut behandelt« verschwinden sie aber auch schnell wieder, so die »fachkundige« Suggestion.


Depressionen sind eben ein Volksleiden, genauso wie »Rücken« oder Diabetes. Dementsprechend ist meines Erachtens die medizinisch-therapeutische Aufmerksamkeit und das Engagement gegenüber dieses durchaus als »Killer« darzulegenden Handicaps, arg zurückgefahren bzw. diagnostische Abläufe sind standarisiert und routiniert (manchmal dadurch leider auch »ruiniert«).


Nur weil jeder dritte betroffen ist, heißt das natürlich nicht, dass kein depressiver Mensch mehr missverstanden zurückbliebe - im Gegenteil. Ich fühle mich von Ärzten und Therapeuten mega missverstanden! Vielleicht einfach, weil ich mit meinen Depressionen ganz und gar nicht ins klinisch-klassische Bild von Depressionen passe und man mich deshalb auch nicht ernst nimmt.


Aber nachdem ich in 10 Jahren 6 Therapeuten »verschlissen« habe, habe ich mich daran gewöhnt, mit meinen Dämonen alleine zu sein und ein Stück weit vielleicht sogar mit ihnen Freundschaft geschlossen, um es besser ertragen zu können, wenn sie mir temporär mal wieder mein Leben zur Hölle machen...



Depressionen sind eben nicht gleich Depressionen. Je länger sie dauern, desto mehr werden sie zu einer schmalen Einbahnstrasse, auf der irgendwann ein Umkehren unmöglich ist. Ich habe diesen »Point of no Return« sicher erreicht, nehme aber mittlerweile die Dinge so wie sie sind und schaue trotzdem nach vorne. Manch depressive Episoden haben sogar hin- und wieder meine Kreativität gezündet und genialabsurde Ergebnisse zu Tage gefördert. Es gibt also durchaus Perspektiven und Höhenflüge trotz dunkelster Seele, auch wenn diese Tendenzen leider stetig kleiner werden...





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