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  • AutorenbildAimo Nyland

ADHS vs. Asperger Syndrom (oder beides - geht das?!)

Aktualisiert: 21. Nov. 2022



Tja, die Frage, ob es zusammen geht, oder was die jeweiligen Besonderheiten sind, stellen sich vermutlich sehr viele Menschen, die anders sind und vielleicht sogar Vermutungen in diese Richtung haben.

Fakt ist, dass einige Symptome sich überlagern, sich manchmal sogar gegeneinander aufheben oder gar potenzieren können. Lange Zeit (überwiegend bis noch nach der Jahrtausendwende) nahm man an, dass entweder nur das eine oder das andere vorliegen könne. Mittlerweile ist die medizinische Wissenschaft aber schon so weit, dass man weiß, ADHS und Autismus kann es definitiv auch zusammen geben. Vielmehr sogar ist die Wahrscheinlichkeit dass Autisten auch adhslerische Merkmale haben und umgekehrt, sehr hoch. Die entsprechende Diagnostik ist nur eben aufgrund der sehr verworrenen und nicht immer klar zuzuordnenden Symptomatik nicht einfach.

Ich möchte euch hier gerne nochmal die typischen Eigenheiten beider Störungen vorstellen:


Asperger Syndrom:

Das Asperger Syndrom gehört zur hochfunktionellen Form des Autismus. Wenn wir allerdings bei "sich recht normal im Alltag bewegenden Menschen" von Autismus sprechen, schauen viele immer sehr ungläubig. Denn das typische Bild eines Autisten ist immer noch gesellschaftlich verankert: ein stets hin und her schaukelnder Mensch, der nicht oder kaum reden kann und gänzlich auf Betreuung angewiesen ist. Wovon dieses Bild allerdings ausgeht, ist der sogenannte frühkindliche Autismus. Eine Form, die meistens sehr schwerwiegend ist und den Betroffenen tatsächlich kaum eine Chance auf ein eigenständiges und selbstständiges Leben ermöglicht.

Es gibt (gab bis vor wenigen Jahren) noch zwei weitere Formen. Zum einen das Asperger Syndrom und der Atypische Autismus. Beide gehören zu den hochfunktionellen Formen, mit denen die Betroffenen, wenn auch mit einigen Hürden (meist soziale) ein eigenständiges Leben führen können.

Mittlerweile ist man offiziell dazu übergegangen, die drei ehemaligen Abstufungen abzuschaffen und nur noch von ASS (Autismusspektrumstörung) zu sprechen. Das macht total Sinn, da die Schweregrade meist fließend sind und sich gerne auch noch Symptomatiken anderer Störungen hinzugesellen, was eine spezielle Einkategorisierung letztlich immer schwierig macht. Ich möchte euch aber trotzdem gerne mal typische Symptome vorstellen, wie sie teils bis heute noch immer für das Asperger Syndrom klassifiziert werden, wobei ich sie eigentlich für ziemlich überholt halte - und nicht nur ich:


- Vieles soll eher wörtlich verstanden werden, sprich Schwierigkeiten mit der Deutung von Gestik, Mimik, Stimmtonlage sowie mit der Deutung und auch Anwendung von Ironie und Sarkasmus.

- Häufig soll eine Gesichtsblindheit vorliegen. Das Wiedererkennen von Menschen soll Betroffenen anhand typischer Erkennungsmerkmale also vereinzelt schwer fallen.

- Es soll eher eine Unfähigkeit bestehen, die Stimmung im eigenen Gesichtsausdruck erkennen zu lassen.

- Oftmals soll sich das "zwischen den Zeilen lesen" schwierig gestalten. Im Umkehrschluss können solche versteckten Botschaften aber auch kaum bis gar nicht selbst untergebracht werden.

- Häufig komme wohl auch eine ungeschickte und verlangsamte Motorik zum Tragen (Dyspraxie)

- Probleme beim Sortieren und Interpretieren von Sinneseindrücken und demzufolge Schwierigkeiten mit Berührungen oder Geräuschen soll es auch geben. Sowie spielt aber auch der Hang zu festen Ritualen im Alltag meist eine Rolle.

- Die Sprache soll vereinzelt in Mitleidenschaft gezogen sein und wirke eher langsam, monoton und umständlich, mit teils langen Pausen. Auch die Direktheit in Aussagen, ohne sich vorher sinngemäß und nach moralischen Grundsätzen zu reflektieren, scheine ein Symptom zu sein (kein Gefühl für sogenannte NO-GO'S - das sprichwörtliche Treten in »Fettnäpfchen«).

- Deutliche Reaktionen sehe man auch beim Regulieren von Stresssituationen. Häufig enstünden Panikzustände und pure Überforderung (Meltdown).

- Komplexes soziales Zusammenspiel und Doppeldeutigkeiten würden meistens kaum verstanden oder nur nach aufschlüsselnder Erklärung.

- Ungezwungener Smalltalk funktioniere so gut wie gar nicht.

- Und die Außenwirkung tendiere gern in Richtung »egoistisch, faul, frech, aufdringlich, taktlos, aggressiv, besserwisserisch, reserviert und bieder.«


ADHS:

Eine ADHS braucht man denke ich weniger ausführlich zu beschreiben, denn sie ist wesentlich stärker im Fokus der Gesellschaft. Die häufigsten Symptomatiken sind sowohl bei der hypoaktiven Form, sowie auch der hyperaktiven Form sehr ähnlich (beides findet sich im »H«):

- Aufmerksamkeits- bzw. Konzentrationsprobleme, Träumereien.

- Impulsivität

- Meist ein übermäßig gemindertes Selbstwertgefühl.

- Prokrastination (unverhältnismäßiges Aufschieben von wichtigen Tätigkeiten)

- Tollpatschiges Verhalten, dementsprechend häufig Verletzungen durch Unachtsamkeit

- Häufig Chaos und Probleme bei Selbstdisziplin und -organisation.

- Neigung zu Süchten, Ängsten, Zwängen und Depressivität.

- Hoher Bedarf an Sex, Abenteuern oder Extremsport (nur bei Hyperaktiven)

- Den eigenen Lebenslauf nicht selten als Chronologie des Scheiterns erleben.


Erstmal lesen sich die einzelnen Besonderheiten ja schon als klar abzugrenzende Bereiche. Dennoch ist es aber so, dass sich die beiden Handicaps in Kombination häufig ganz anders verhalten. Auf einmal scheint es keine klar erkennbaren Tendenzen mehr zu geben, weil sich Symptome gegenseitig stark beeinflussen, sich vielleicht potenzieren, oder sogar auch auslöschen. Ein »Crossover-Syndrom« kann sich also ganz anders zeigen als jedes Handicap für sich alleine. Manchmal funktionieren die gegenseitigen Kompensations- und Beeinflussungsmechanismen so in Perfektion, dass man zum Zeitpunkt der Diagnostik sogar überhaupt keine Diagnose bekommt, weil man aufgrund von in dem Moment hochgradiger Anpassung bzw. eher wohl trügerischem Schein, den so notwendigen medizinischen Cutoff nicht mal mehr erreicht. So etwas ist dann natürlich ziemlich fatal.


Ich bin ja selbst mit diesem »Crossover-Syndrom« diagnostiziert, so wie es mein damaliger Psychiater so liebevoll nannte. Meine Wahrnehmung ist folgende:

Je nach Tagesgemüt und äußeren Einflüssen schiebt sich entweder mal die adhslerische Impulsivität und Verrücktheit, das Draufgängerische, die Kreativität, das Ungeschick sowie die spielerische aber auch soziale Ader an die Front. Oder eben auch mal die autistische Analytik, Methodik, die, Routinen, die Logik, aber auch die Introversion. Es kommt ganz drauf an.


In der Regel halten sich die jeweiligen Seiten ganz gut die Waage und ich kann mit diesem sporadischen Hin und Her zwischen "Energie und Bremse" ganz gut auskommen. Schlimmstenfalls muss mein ganzes neurobiologisches System aber auch mal klein beigeben, und zwar komplett. Dann sind wir bei einem sogenannten Meltdown angelangt - ein Zustand, der minutenlangen, völligen inneren Leere. Das sind dann so seltene Momente, in denen sich diese innere Strapaze - dieses Wechselspiel aus Potenzierung, Ergänzung und Kompensation beider »Störungen«, in Verbindung mit hoher und kaum zu bewältigender Reizverarbeitungslast so aufstauen, dass das Hirn quasi gänzlich abschaltet, um sich vor weiterer drohender Überforderung zu schützen. In solchen Momenten bin ich dann sowohl sprach- als auch handlungsunfähig.


Zum Glück kommt das seltener vor. Diese Diskrepanzen sind allerdings so gut wie immer für mich zu spüren. Denn das, was mein innerer ADHSler will, steht meistens in krassem Gegensatz zu dem, was mein innerer Autist will. Da prallen stets zwei Welten aufeinander. Zum Glück hat mein "hyperaktiver Freak" in der Psycho-WG mit meinem "autistischen Freak" die Hosen an, kann sich in 75% der Fälle durchsetzen und lässt »Mister Auti« dann traurig und enttäuscht zurück 😝


Wenn es dann mal anders kommt, kann ich auch schon mal innerhalb von Sekunden vom skurrilen, gedankenlosen Clown zum steifen Analytiker und »Planungsfetischisten« werden - haha. Aber das macht es eben immer wieder interessant, nicht wahr? 😉


Ich liebe jedenfalls diesen kontinuierlichen Umbruch im "Crossover-Sein" und habe gelernt, aus dieser schrägen Kombi mein vollstes Potenzial zu schöpfen, wenn ich zugegebenermaßen ab und an auch mal ordentlich "abgefuckt" bin, weil sich meine zwei innewohnenden "Freaks" mal wieder unnötigerweise bekriegen ...

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